Analoge Expert:innen

In diesem Abschnitt wollen wir nicht nur analoge Szenemenschen zu Wort kommen lassen, sondern auch den Erfahrungen und Einschätzungen von Expert:innen einen Raum geben.  

Dr. Pia Fruth

Dr. Pia Fruth ist Medienwissenschaftlerin und Radiomacherin. Sie forscht seit vielen Jahren zu auditiven Medien, arbeitet als Hörfunkjournalistin und hat ihre Promotion der Kompaktkassette gewidmet. Ihre Perspektive auf analoge Tonträger ist daher immer doppelt, einerseits wissenschaftlich, andererseits geprägt von der eigenen Radiopraxis. Im Gespräch beschreibt sie, wie sich das Hören mit Kassette und Schallplatte für sie von digitalen Angeboten unterscheidet. Wichtig ist ihr, dass eine Kassette oder eine Platte einen klaren Anfang und ein Ende hat und dass man sich bewusst entscheiden muss, ob man umdreht bzw. weiterhört. Ihre Aussagen unterstützen die Vermutung, dass viele Menschen analoge Medien gerade deshalb schätzen, weil sie Zeit strukturieren, begrenzen und damit einen Gegenpol zum Digitalen bilden. 

Pia Fruth über Detox und alternative Nutzung:

Ein weiteres zentrales Thema, das Pia anspricht, ist auch die Ermüdung durch Social Media und Streaming. Sie spricht davon, dass die immer gleichen Bewegungen des Scrollens ein Gefühl von Leere erzeugen können, während eine Kassette oder Platte den Körper und die Aufmerksamkeit anders bindet. Wer ein Band einlegt, das Cover anschaut und auf Play drückt, legt das Smartphone im besten Fall beiseite. Sie beschreibt das als kleine Form von Schutzraum im Alltag, macht aber immer wieder deutlich, dass es sich um Hypothesen handelt, die sie aus Beobachtungen und Gesprächen ableitet, nicht aus großen repräsentativen Studien.

Selbstinszenierung und Abgrenzung

Besonders deutlich wird das, wenn sie über jüngere Menschen spricht, die selbst gar nicht mehr mit Kassette aufgewachsen sind. Für diese Gruppe vermutet Fruth, dass Retro-Technik oft eher ein Stilmittel ist. Sie erzählt von Jugendlichen, die mit analogen Geräten auch ein bestimmtes Bild von sich zeigen wollen und sich über Vintage Ästhetik von anderen absetzen. Analoge Medien erscheinen hier als Teil von Selbstinszenierung und Abgrenzung, nicht nur als nostalgischer Rückblick. In ihrer Argumentation relativiert sie einfache Erzählungen von der Rückkehr des Analogen. Aus medienhistorischer Sicht habe es ihrer Einschätzung nach noch nie eine echte Umkehr gegeben, sondern eher eine Koexistenz. Kassette und Schallplatte tauchen punktuell wieder auf, bleiben aber Nischenphänomene:

Kritisch äußert sie sich auch zum Begriff vom warmen Analogsound. Pia sagt dazu: „Die meisten würden einen gut digitalisierten Plattensound wahrscheinlich nicht vom Original unterscheiden“ und nennt die Idee eines eindeutig überlegenen Analogsounds an einer Stelle Voodoo:

PD Dr. Ulrich Hägele

PD Dr. Ulrich Hägele kommt aus der Empirischen Kulturwissenschaft und der Medienwissenschaft. Er arbeitet seit vielen Jahren zu visuellen Medien, kuratiert Ausstellungen und leitet das Tübinger Campusradio. Seine Einschätzungen zu analoger Musik verbinden daher Fragen der Alltagskultur, der Mediengeschichte und der Praxis von Radio und Musikproduktion. Im Gespräch betont er, dass die Herstellung von Musik heute klar von digitaler Technik geprägt ist. Analoge Studios und Bänder sind für ihn eher eine kleine Spezialnische. 

Konsum

Spannender findet er die Konsumseite. Er verweist darauf, dass der Schallplattenverkauf in den USA mittlerweile wieder über dem der CD liegt und liest darin einen stabilen Trend. Für ihn ist die Schallplatte vor allem ein sehr robustes Format. Er hebt hervor, dass sich historische Aufnahmen und aktuelle Pressungen mit derselben Grundtechnik abspielen lassen. Platte, Durchmesser, Mittelloch, all das hat sich seit Jahrzehnten kaum verändert. Darin sieht er eine besondere Form von kultureller Kontinuität. Hägele betont außerdem die Materialität des Mediums. Eine Platte kann man anfassen, ins Regal stellen, weitergeben oder vererben. Cover, Hülle und Inlay machen Musik zu etwas, das Platz im Raum einnimmt. Im Unterschied zu digitalen Playlists können Geräte und Tonträger repariert und lange genutzt werden. Flohmarktfunde oder geerbte Anlagen werden so zu Teil eines nachhaltigeren Umgangs mit Technik. Diese Praxis versteht er auch als mögliche Form von stillem Widerstand gegen Wegwerfkultur und ständigen Neukauf. 

Ein Blick in die Zukunft

Mit Blick auf weitere Digitalisierung und Künstliche Intelligenz erwartet Uli eher mehr als weniger Bedürfnis nach analogen Inseln. Er vergleicht das mit der Faszination für alte Autos und mechanische Technik. Je mehr Abläufe automatisiert werden, desto attraktiver erscheinen ihm Tätigkeiten, bei denen man etwas mit den Händen macht, kocht, bastelt oder eben eine Platte auflegt.  

Die beiden Aussagen zeigen bewusst persönliche Deutungen mit fachlicher Einschätzung. Sie formulieren Vermutungen, legen Beobachtungen offen und widersprechen an einzelnen Punkten gängigen Bildern. Für das Selbstverständnis dieser Dokumentation ist wichtig, diese Passagen nicht als gesicherte Forschungsergebnisse zu markieren.  

Q1 (Linda): Aus welchen Teilen besteht deine Forschung zu analoger Musik bzw. analogen Musikträgern?
A1 (Pia): Also, ich hab mich hauptsächlich mit Kassetten beschäftigt als analoge Tonträger. Aber Kassetten sind ja jetzt nicht nur für Musik Tonträger, sondern natürlich auch für Hörspiele oder für solche Sachen. Wenn man sich mit Kassetten beschäftigt, kommt man eigentlich überhaupt nicht drumrum, sich auch mit Tonbändern zu beschäftigen, logischerweise also mit den großen Tonbandgeräten. Und man kommt auch nicht umhin, sich mit der Entwicklung des Grammophons und der Schallplatte zu beschäftigen. Das heißt, schwerpunktmäßig habe ich mich mit der Kassette beschäftigt, aber bin schon eigentlich bei allen analogen Tonträgern vorbeigekommen.


Q2 (Antonia): Was bedeutet das für dich persönlich, wie bist du auf die Idee gekommen, dich mit der Kassette zu beschäftigen?
A2 (Pia): Es hat eigentlich zwei Gründe, die nacheinander stattgefunden haben. Der erste war: Ich hatte damals eigentlich ein ganz anderes Promotionsthema ausgesucht, das sollte um Stimme gehen. Dann habe ich aber mit meinem damaligen Doktorvater ein Seminar gegeben und da ging es um musikalische und Geräuschphänomene. Wir hatten Referatsthemen rausgegeben und dann kam eine Studentin, die zur Kassette was machen sollte, und sagte: Da gibt es nichts dazu. Wir haben dann nach einer Literaturliste geguckt und ich saß im angrenzenden Büro und wir haben uns auf dem Flur getroffen. Ich habe gesagt: „Du, was hast du gefunden?“ Er: „Nicht viel.“ Ich: „Ja, ich auch nicht.“ Und dann fanden wir das natürlich ziemlich spannend.

Und jetzt kommt der zweite Grund: Ich bin natürlich genau das, was in der Forschung oder populärwissenschaftlichen Forschung mit „Kassettenkind“ bezeichnet wird. Meine komplette Kindheit, Jugend und auch junge Erwachsenenzeit stand unterm Zeichen der Kassette und stand auch im Zeichen von einem ganz kreativen Umgang mit Kassetten. Wir haben ja nicht nur vorgespielte Kassetten gehört, also eigentlich am wenigsten. Klar, im Hörspielbereich schon. Aber alles, was so „sick“ war, das sind natürlich Mixtapes, die wir selber zusammengestellt haben. Einmal, um unsere eigene Musik zu hören, aber zum anderen auch, um sich mit der Musik zu profilieren. Das ist ja heute auch so: Du hast eine spezielle Playlist und die Playlist bist du.

Damals war es ähnlich, nur anders: Man ist zu einer Party gegangen oder hat selber eine gemacht und hat seine Kassetten mitgenommen. Um zu sagen: Wenn man mit Pia zum Geburtstag kommt, läuft halt Punk oder läuft halt Country. Und wenn man zur Anna kommt, läuft halt Chartsmusik. Das war schon, um sich selber ein Profil zu geben und sich als Persönlichkeit darzustellen. Und da ist bei mir gleich dieses ganze Panorama der 80er/90er Jahre aufgegangen. Das war dann der Grund, warum ich gesagt hab: Ja, das ist ein tolles Thema und das möcht ich unbedingt gerne machen.


Q3 (Linda): Gab es Momente, wo du bewusst wieder dachtest: Jetzt hör ich auch mal wieder ’ne Kassette oder ’ne Platte?
A3 (Pia): Ja klar. Schallplatten hab ich mein ganzes Leben lang, ich hab immer ’n Schallplattenspieler gehabt. Kassettenrekorder hatte ich auch immer noch, weil ich beim Radio gearbeitet habe und die Kassette ganz lange noch das Hauptaufnahmemedium war. Infolgedessen hatte ich natürlich mein Kassettenaufnahmegerät aus meinem Reporterjob und habe immer über einen Kassettenrekorder verfügt.

Fun Fact: Ich habe mir vor zwei Monaten ein neues altes Auto gekauft. Ich bin leidenschaftliche Twingofahrerin und hab wieder einen gefunden und da ist ein Radiokassettendeck drin. Meine Tochter ist 13, die kennt Kassetten eigentlich gar nicht, ist aber voll auf der Retro-Schiene. Sie hat gesagt: „Hast du nicht noch irgendwelche Kassetten?“ Ich hab natürlich noch welche, wir haben die ins Auto getan und lachen sehr: „Das hast du damals gehört.“ Sie hat auch eine Kassette aufgenommen mit ihrer Musik und wir hören die im Auto.

Mir ist da klar geworden, wie krass anders das ist, weil man eben nicht sagen kann: „Ah, jetzt überspringe ich mal eben das Lied.“ Oder: „Jetzt will ich was ganz anderes hören.“ Es geht halt nicht. Die Dramaturgie eines Mixtapes ist festgelegt. Ich kann mal vorspulen und irgendwo landen, wo ich glaube, dass das nächste Lied anfängt, aber grundsätzlich höre ich die Kassette so, wie sie angelegt ist. Bei Playlists ist das komplett anders. Und sie hat dann gesagt: „Oh, das Lied gefällt mir jetzt nicht so“, aber wir hören es jetzt an, weil wir haben ja keine andere Wahl.


Q4 (Antonia): Welche Rolle spielt Haptik heute?
A4 (Pia): Ich hab gestern oder vorgestern eine Statistik gelesen, dass Social Media bei jungen Menschen rückläufig ist. Nachdem es über viele Jahre steil oder sogar exponentiell gewachsen ist, ist seit einem Jahr die Nutzung rückläufig. Klar, Facebook fällt da auch rein, TikTok ist stark rückläufig, Instagram ist relativ stabil. Es gibt Forschung dazu, warum junge Menschen sich dem abwenden. Es ist diese Reizüberflutung: Es hört nie auf, es gibt keinen Anfang und kein Ende, es ist so kurzlebig und man hat am Ende so ein unbefriedigendes Gefühl. Man sitzt eine Stunde oder drei Stunden am Handy, wischt sich durch TikTok und am Ende bleibt eine Leere. Zeit verschwindet.

Das ist bei analogen Tonträgern anders. Ich habe was in der Hand. Bei Schallplatte oder Kassette gibt es einen Anfang und ein Ende. Bei einer Schallplatte muss ich mich nach der Hälfte bewusst entscheiden weiterzuhören, indem ich sie umdrehe. Bei der Kassette kann es Auto-Reverse geben, aber es ist nicht so planlos im Hintergrund, wie wenn eine Playlist 37 Stunden geht. Kassette: 60 Minuten. Schallplatte: eher weniger. Dann ist Schluss und es ist wieder eine bewusste Entscheidung.

Ich packe das wieder in die Hülle, habe ein Cover in der Hand, das einen Spirit oder eine Stimmung vermittelt. Dieser Akt des Hörens macht einen großen Unterschied zu internetbasierten Technologien. Und ich brauche ein anderes Gerät als mein Handy. Hinter dem Rückgang bei Social Media steckt auch Selbstregulation: Handy um 18 Uhr weglegen, handyfreie Stunde, Wochenende, weil es stresst. Man will Ruhe, durchatmen, vielleicht was mit den Händen machen. Das heißt nicht, dass wir ohne Musik leben wollen. Aber dann werden eher andere Geräte genutzt: Kassettenspieler, Plattenspieler, auch iPod/MP3, Zoomgerät. Also keine internetbasierten Technologien, das glaube ich auf jeden Fall.

Ich sehe auch Leute, die zum Einschlafen Hörspiele hören: Die legen nicht mehr das Handy auf den Nachttisch, sondern einen iPod mit zwei Hörspielen, der irgendwann ausgeht. Nicht die ganze Nacht das Handy im Ohr und nachts dann: „Oh, jemand hat geschrieben“ und dann geht der ganze ****** von vorne los. Es sind nicht unbedingt analoge Technologien, aber andere Geräte als das Handy.

Und natürlich sind die analogen Geräte schicker. Guck mal: „we are rewind“ – das hab ich mir gekauft. Vor zwei Jahren auf den Markt gekommen, chinesischer Hersteller, ein neuer Kassettenrecorder. Der ist doch schön, oder? USB-C zum Laden, du kannst auch digital überspielen, aber am Ende hörst du Kassette. Dem Sony Walkman nachempfunden, sogar der Bleistift ist dabei. Kostet 200 irgendwas Euro. Und es ist eben auch wichtig: analoge Technologien sind meistens viel einfacher. Klappe auf, Tonträger rein, zu, Knöpfchen drücken, fertig. Das entstresst auch.


Q5 (Linda): Greifen Leute bewusst für „Digital Detox“ wieder zu analogen Musikträgern zurück?
A5 (Pia): Zumindest auf ein anderes Gerät. Ich würde nicht sagen, dass „digital“ immer schlecht ist, CD gehört ja auch dazu, iPods, MP3-Player. Ich bin mir nicht sicher, ob alle auf analoge Tonträger zurückgreifen, aber zumindest auf andere Geräte. Damit kann man den Dauerstressor Handy beiseite legen. Also keine internetbasierten Technologien, das glaube ich auf jeden Fall.


Q6 (Linda): Gehen Leute auch aus Nostalgie oder Widerstand zurück (z.B. Spotify nicht unterstützen)?
A6 (Pia): Das ist jetzt nur eine Vermutung. Wir müssen bewusst über Altersgruppen sprechen. Meine Generation, die mit Kassetten groß geworden ist: Da zählt Nostalgie. Ich verbinde mit Kassette oder Schallplatte Erinnerungen, Zeitgeist, Lebensgefühl. In einer Zeit, die für mich unübersichtlich ist, gehe ich gern in meine gesicherte Jugend zurück.

Bei der jungen Generation spielt Nostalgie keine Rolle, die sind nicht damit groß geworden. Es könnte sein, dass analogen Geräten trotzdem so etwas wie Sicherheit, Stabilität, ein „heile Welt“-Ding anhaftet. Das müsste man aber erstmal erforschen, das ist eine Hypothese.

Was ich schon glaube: Retro ist auch fancy. Dann kann ich sagen: Alle laufen mit ihrem ****** Handy rum, nur ich hab ’nen Walkman und hör Kassette. Ich hebe mich von der Masse ab, wie mit Schlagjeans aus den Siebzigern. Das spielt eine Rolle, aber in einem kleinen Rahmen. Die Mehrzahl der dreizehnjährigen Freundinnen meiner Tochter kauft bei New Yorker und H&M. Wenn meine Tochter sich in Berlin eine Lederjacke auf dem Flohmarkt kauft und damit in die Schule geht, gefällt sie ihr, aber auch, weil sie die Einzige ist, die sowas trägt. Da gehören analoge Geräte und Vintage Sachen auch dazu, wenn ich mir Vintage LPs kaufe. Es ist manchmal auch einfacher als nur die große Detox-Geschichte.


Q7 (Antonia): Hast du das Gefühl, dass viele jüngere Leute auf so einen Retro-Zug aufspringen?
A7 (Pia): Das hängt wieder an „jüngere Leute“: Entwicklungspsychologisch ist es zu Beginn der Pubertät so, dass du alles tun wirst, um auf keinen Fall aufzufallen. Präpubertär: gleiche Sneaker, gleiche Hosen, gleicher Hoodie. Du willst nicht ausgelacht oder ausgeschlossen werden. Identitätsfindung setzt dann irgendwann mit der Pubertät ein und setzt sich bis ins junge Erwachsenenalter fort. In eurem Alter ist das ungefähr abgeschlossen: „Ich weiß, wer ich bin, wo ich dazugehöre.“

Ich glaube, ab 16 aufwärts bis Mitte zwanzig spielt Retro/Vintage eine Rolle, um sich zu inszenieren und sich zu finden. Vorher nicht.

Und bei eurer DJ-Geschichte finde ich noch was anderes wichtig: Usability. Wenn ich einen Vorgang mit einem Gerät eingeübt habe – Schallplatten auflegen, Töne schneiden – dann ist dieser Vorgang mit dem Gerät verknüpft. Warum sollte ein DJ, der perfekt mit Platte auflegt und das jeden Abend macht, sein Equipment wechseln? Er hat einen anderen Fokus: nächster Song, Leute zum Tanzen bringen, Richtung wechseln. Technik muss einfach funktionieren. Es gibt erstmal keinen Grund zu wechseln, außer vielleicht: Plattenkisten nicht mehr tragen können, dann digitalisiert er.

Warum junge Leute sagen „ich will Platten-DJ werden“, kann ich nicht richtig beantworten. Ich würde sagen: Inszenierung spielt eine Rolle: „Ich hab Platten, ich bin der Coolste.“ Und auch die Begrenzung der Auswahl: Wenn ich Surfplatten dabei hab, wird Surf gespielt. Das sagt auch was über meine Persönlichkeit. Ich pflege mein Image: Soul-DJ, 200 Soulplatten, dann spiele ich Soul. Und zu sagen „such mir mal was raus“ oder aus Spotify einen nach dem anderen auswählen, das ist keine Kunst. DJing als Kunst zu inszenieren braucht beinahe schon analoge Sachen.

Und noch: Wenn du blendest, scratchst und solche Techniken, das geht halt auch nur damit. Digitale künstliche Blenden hören sich oft ****** an. Wer DJing als Handwerkskunst betrachtet, achtet auf sauberes Beatmatching, BPM, Rhythmus, Beat anziehen und runterbremsen, Publikum steuern. Das geht mit analogen Geräten deutlich besser. Vielleicht kann KI das irgendwann besser, aber das würden die nicht zugeben.


Q8 (Linda): Warum würdest du sagen, dass es keine „Rückkehr“ zur analogen Musik gibt?
A8 (Pia): Zwei Sachen. Erstens: In der Mediengeschichte gab es noch gar nie eine Umkehr. Was es gibt: Sachen existieren parallel, irgendwas geht nie ganz weg. Aber dass man sagt: „Wir kehren jetzt zurück“ – stellt euch vor, wir schalten das Internet wieder ab. Das wird nicht passieren. Niemand wird sagen: „Internet war eine dumme Idee, wir machen das nicht mehr.“ Insofern wird es auch keine Umkehr geben, dass man sagt: „Wir nutzen jetzt wieder analog, Datenschutz, keine Spuren“, und deswegen Spotify abschalten. Glaub ich nicht.

Selbst wenn ihr in Szeneläden wieder Plattenspieler entdeckt: Dann heißt das für mich, es ist nicht weg, es gibt eine Besinnung darauf, dass es das gab oder gibt, im kleinen Umfang. Aber überlegt mal, wie viele Stunden ihr im Vergleich dazu auf Spotify unterwegs seid. Spätestens wenn ihr im Bus sitzt und euren Plattenspieler nicht dabei habt, hört ihr wieder Spotify.

Vor zwei Jahren ist die Compact Cassette 60 Jahre alt geworden, saure Gurkenzeit, und ich wurde dauernd interviewt. Alle fragen: „Rückkehr?“ Dann hab ich mir die Mühe gemacht, mal dahinter zu gucken. Da heißt es dann: Hersteller hat Rekordumsatz. Klingt groß, aber: Es gibt nur wenige Kassettenhersteller. Die haben früher vielleicht 10.000 Kassetten im Jahr verkauft und jetzt 50.000. Das heißt: 50.000 Menschen haben sich eine Kassette gekauft in Deutschland. Und dann überlegt, wie viel Minuten täglich bei Spotify gestreamt wird. Antwort: Nischentrend.

Es gibt eine Grundsehnsucht, dass Dinge einfacher und überschaubarer wären, dass man eine Auswahl trifft aus einer Unendlichkeit. Analoge Tonträger bedienen das ein Stück weit. Aber sie sind unpraktisch: Ich kann nicht ein Lied genau ansteuern, ich muss durchhören. Für manche Dinge nutze ich das, aber wo es um Usability geht, nicht.

Und ich hab gemerkt: Wow, wie lange hab ich kein ganzes Album mehr am Stück gehört. Diese Albumkultur gibt es in der jungen Generation weniger: auch mal „missratene Songs“ durchhören, und erst beim wiederholten Hören fängt man an, einen Song zu mögen. Albumkultur ist eher unterentwickelt.


Q9 (Linda): Siehst du Parallelen zwischen Mixtape-Kultur und heutigen Playlists?
A9 (Pia): Man kann andersrum fragen: Warum machst du das heute? Man macht ja nichts einfach nur so. Was ist das denn heute, eine Playlist zu machen?

Q9.1 (Pia): Verschenkt ihr Playlists? Schickt ihr die, teilt ihr die?
A9.1 (Linda/Antonia): Meistens für sich selbst, damit man nicht quer bei Spotify suchen muss. Aber auch für Geburtstage, WG-Partys, solche Sachen.

A9 (Pia, weiter): Genau, also: Dieses Prinzip „anlassbezogen zusammenstellen“ – WG, Party und so weiter – ist genau gleich. Dafür hat man früher eine Kassette aufgenommen. In Teilen hat die Playlist-Funktion das Mixtape beerbt, aber nur in Teilen.

Ich kann euch das erklären: Das waren zwei Kassetten, da bin ich mit meinem damaligen Freund in den Urlaub gefahren. Spanien 1, Spanien 2. Die haben eine gewisse Ästhetik, schon allein das Booklet, die Haptik. Sowas verschenkt man auch mit Subtext. Wenn ich für jemanden eine Kassette aufnehme und gestalte und da sind „unsere Lieder“ drauf oder Songs, mit denen ich was sagen will – ich hab mal eine Deutsch-Punk-Kassette geschenkt gekriegt, da sind nur „Ich liebe dich, aber ich hasse dich“-Lieder drauf. Message war klar.

Das könnte man heute auch machen, indem ich eine Playlist teile. Aber über die Gestaltung vom Cover sag ich noch ganz andere Sachen: Ich frame die Musik mit dem Cover. Ich zeige, wie viel mir die Person bedeutet: Gebe ich mir Mühe, wenig Mühe, ist sie unbeschriftet? Und ich gebe einen Teil von mir rein: Schrift, Geschmack. So persönlich wie ein Mixtape war, so persönlich kann eine Playlist nicht sein, weil diese Artefakte fehlen.

Aber: Auswahl verfügbar haben, nicht immer die ganze Plattensammlung, anlassbezogen was zusammenstellen, Stimmung befördern, sich inszenieren – das kann die Playlist auch. Nur gewisse Funktionen kann sie nicht vollständig übernehmen.


Q10 (Linda): Wie würdest du die Zukunft sehen, gerade wo KI immer mehr eine Rolle spielt?
A10 (Pia): Es wäre vermessen, wenn ich sagen könnte, wo die Reise hingeht, das weiß niemand. Dinge, die jetzt schon in unserem Alltag sind, waren vor zwei Jahren unvorstellbar. Ich kann nur aus psychologischer Sicht und mit Blick auf mediale Entwicklungen vorsichtig prognostizieren: Wenn ein neues Medium kommt, gibt es erstmal kulturkritische Stimmen („was alles wegfällt“, „gesundheitsschädlich“, „macht alles kaputt“) und die euphorische Haltung („jetzt ist alles möglich“) – und dann gibt es eine Adaptionsphase, wo Gesetze, Regulierungen, Nachdenken, Streit passieren. Dann hält es allmählich Einzug in die Alltagskultur. Und irgendwann: „Echt, gab es das mal nicht?“ und jeder hat seinen Umgang damit.

Wir stehen bei KI ganz am Anfang. Es gibt Euphorie („man googelt nicht mehr, man fragt KI“) und es gibt kritische Stimmen: Berufszweige, Datenschutz, Trainingsmaterial, Urheberrecht. Wir gehen langsam in die zweite Phase über. Wie sehr sich der Alltag verändert, ist schwer vorherzusagen. Ich glaube, es wird sich beruhigen und es wird Gesetze, Normen, Regulierungen geben. Welche Rolle analoge Medien dabei spielen, wage ich nicht vorherzusagen.

Ein Blick in die Geschichte hilft manchmal: Als das Grammophon neu war, war Musik hören ein kollektiver Akt. Plötzlich konnte man alleine hören, das war anstößig. Ein Schriftsteller hat geschrieben: Er hört Grammophon, immer bedacht, dass ihn niemand erwischt, weil es wäre ungefähr so, wie heimlich mit Frauenkleidung rumlaufen oder Kokain schniefen. Heute lachen wir darüber. Wer weiß, worüber wir in 20 Jahren bei KI lachen.

Dasselbe mit dem Walkman: „Jugend verblödet“, „Unfälle“, „wie unter Drogen“. Heute laufen alle mit Bluetooth-Kopfhörern rum. Man hat Regeln gefunden: Beim Radfahren nur einen Kopfhörer. Man erkennt Vorteile: Umwelt ausblenden, versinken, Noise Canceling. Damals wäre das lachhaft gewesen. Rahmenbedingungen ändern sich.

Aber KI ist so wirkmächtig, dass es schwer ist, weil es nicht nur Musikhören betrifft, sondern auch Kriegsführung, Staatenführung, Propaganda. Deswegen: schwierig zu sagen.


Q11 (Antonia): Hast du noch was, das du ergänzen möchtest?
A11 (Pia): Ich glaube, abgesehen von den Tonträgern hat der Erfolg alter Technologie auch damit zu tun, inwieweit Abspielgeräte wiederhergestellt werden. Es gibt wenige, die Kassettenrekorder herstellen, wenige Tonbandgeräte, das ist ein winziger Nischenmarkt. Selbst wenn wir neue Leerkassetten herstellen, brauchen wir Abspielgeräte. In Media Markt oder Saturn finden wir eher keine Kassettenrekorder. Auch daran lässt sich sowas messen.

Und wir haben heute eine Trendmaschinerie: Dubai-Schokolade. Wenn ein angesagter Influencer sagt „ich höre nur noch Kassetten“, Mental Health, Work-Life-Balance, und hat einen Vertrag mit einem Hersteller, dann sind Bewegungen nicht vorhersehbar. Das war in einer analogen Welt nicht so. Warum Leute plötzlich drei Stunden für Schokolade anstehen, ist nicht logisch, aber es passiert. Das kann auch bei analoger Technologie passieren: Abheben von der Masse, Selbstmarketing. Dann springt ein Konzern auf, Angebot wird größer, kurzfristiger Trend, wie Dubai-Schokolade.

Und dieser „wärmere Sound“: da ist viel Narrativ dabei. Ich kenne wenige Leute, die wirklich analog und digital unterscheiden können, echt unterscheiden. Um genau zu sein: zwei. Wir könnten einen Blindtest machen. Wenn die Platte nicht knackst: Wenn ich eine Schallplatte digital aufnehme und spiele dir digitale Aufnahme und Original ab, könnten 95 Prozent den Unterschied nicht hören, bin ich sicher. Zu sagen „da fallen Klangnuancen weg“: Ich glaube, das ist Voodoo. Ich kann’s jedenfalls nicht.

Und in der Kette spielen so viele Faktoren: Beschichtung der Kassette, Lautsprecher, Abspielgerät, Tonköpfe, Mono vs Stereo, Bluetooth-Box vs Studioboxen, Originalpressung vs remastered, Mikrofone, Aufnahmesituation, Genre. Ich kann mit voller Überzeugung sagen: „typischer Analogsound“ als Behauptung ist Quatsch. Digital kann man das, was man gemeinhin darunter versteht, reproduzieren, absolut. Ich darf da völlig ungeschützt meine Meinung sagen: Ich glaub das nicht. Aber sie sagen es natürlich alle, ist klar. Das ist das Narrativ und hat auch mit Selbstdarstellung zu tun: „Ich bin Retro-Freak und höre sofort, ob es eine richtige Schallplatte ist.“

Q1 (Linda): Kann man von einer Rückkehr der analogen Musik sprechen? Was ist deine Ansicht dazu?
A1 (Uli): Also, rein von der Produktion her, von der Musikproduktion, würd ich nicht davon ausgehen, dass es eine Rückkehr zum Analogen gibt. Es gibt verschiedene Tonstudios wie Bauer in Ludwigsburg, die sich drauf spezialisiert haben, auch analoge Technologie einzusetzen, wie diese Studer A80, direkt zu produzieren und das dann auch in Form von Schallplatten zu vermarkten. Aber das ist ein Promilleanteil. Es gibt alte Produktionen aus dem Popbereich, aus dem Klassikbereich, die von den Originalbändern aus den 60er 70er Jahren jetzt auf original neue Bänder überspielt werden, die sind zu einem horrenden Preis erhältlich von bis zu 400 Euro pro Band. Das ist natürlich ein Markt, der ist ziemlich marginal.

Diese Produktionsseite ist nach wie vor digital. Aber im Consumer Bereich ist es was anderes: Die Schallplattenproduktion oder der Schallplattenabsatz ist, glaub ich, 2023 in Amerika das erste Mal höher gewesen als CD. Das ist natürlich schon nachhaltig, würd ich sagen. Also, dass der analoge Tonträger, sprich die Schallplatte, sich wieder einen gewissen Platz im Consumer Bereich zurückerobert hat.


Q2 (Antonia): Welche kulturellen und sozialen Werte würdest du darin verorten?
A2 (Uli): Kulturell vor allem: Die Schallplatte ist ja über 125, 130 Jahre alt und die Normen haben sich nicht so sehr verändert. Die Durchmesser sind gleich, das Mittelloch ist seitdem gleichgeblieben. Ich finde das eine frappante Geschichte, dass so eine Norm, die im 19. Jahrhundert festgelegt wurde, heute immer noch funktioniert. Ich kann im Prinzip eine Schellackplatte von 1900 oder 1901, die Enrico Caruso damals aufgenommen hat, mit diesem Plattenspieler abspielen, mit diesem P.E. Studio 33. Das ist eine supertolle Geschichte.

Als Artefakte interessiert es mich auch, weil die eine ganz eigene Ästhetik haben. Grammophone funktionieren wieder anders als diese Plattenspieler. Es gibt auch Hi-Fi Komponenten, die nicht unbedingt Tonbänder oder Plattenspieler sind. Wenn ich meinen Röhrenverstärker an die Anlage einbaue mit alten Röhren, hab ich natürlich einen anderen Sound als mit einem neuwertigen Transistorverstärker. Das sind Nuancen, aber auch die Haptik: Wenn ich ’ne Schallplatte in die Hand nehm, dann hab ich was in der Hand. Man kann die umdrehen, rausziehen, man hat ein Inlay, wo man lesen kann. Wenn ich Musik übers Internet konsumiere, hab ich das nicht.

Ich denk, viele wollen wieder diese Haptik haben, die wollen auch Musik besitzen, die wollen auch was bei sich im Regal stehen haben. Das ist ein eklatanter Unterschied zwischen digital und analog.


Q3 (Linda): Greifen Leute bewusst aus Nostalgie oder auch aus Widerstandsgründen zurück?
A3 (Uli): Das kann sicherlich Nostalgie sein. Das kann aber auch eine bewusste Entscheidung sein, dem Kapitalismus was entgegenzusetzen, also dass ich nicht immer neu, neu, neu kaufe, sondern auf dem Flohmarkt meine alte Schallplatte von den Beatles oder den Stones kaufe, aus den 60ern, die noch intakt ist, und die kann ich mit diesem Plattenspieler abspielen und muss mir keine neue CD kaufen. Stichwort Nachhaltigkeit ist ganz wichtig.

Diese Geräte kann man mit ein bisschen Know-how reparieren. Die kannst du ins Reparatur-Café bringen und sagen: Tonarm ist ausgeschlagen, Riemen ist kaputt, was muss ich machen, und da hast du immer jemand, der das kann. Wenn ich ein digitales Gerät hab, wird es schwierig. Bei diesem Gerät, was du da in der Hand hast, würde ich fast behaupten: Wenn das kaputt ist, lohnt die Reparatur nicht oder ist viel zu teuer.

Ich hab eine Kamera, eine RX100 von Sony, supertolles Teil, 7, 8 Jahre gehabt, viele tausend Bilder gemacht, und jetzt ist sie kaputt. Meine alte Spiegelreflexkamera von Nikon hab ich reparieren lassen und dann hat die wieder funktioniert. Aber dieses Teil hab ich nicht mehr reparieren lassen. Da hab ich mir ein gebrauchtes Gleichartiges gekauft, hab Reparaturkosten gespart, und das Alte steht jetzt bei mir in der Vitrine, weil das auch ein Teil von mir ist.


Q4 (Linda): Wie siehst du die Zukunft von analoger Musik mit KI und Digitalisierung?
A4 (Uli): KI und Digitalisierung kann man ja nicht auseinandernehmen, das hängt zusammen. Die KI ist noch mal ein Sprung mehr. Je mehr die KI in unserem Alltag uns beeinflussen wird, desto mehr denke ich, dass es Menschen gibt, die wieder ins Analoge rüber wollen, beziehungsweise ihren Frieden mit dem Analogen finden, weil sie permanent tagsüber sich mit KI beschäftigen müssen.

Das ist so wie: Wenn du abends gerne was kochst und guckst, was im Kühlschrank ist, und sagst: „OK, ich brauch gar kein Kochbuch, ich guck mal, was ich zustande krieg“, einfach dieses Handwerkliche, Haptische. Das kommt.

Ist auch bei der Automobilisierung so: Oldtimer haben nach wie vor einen Stellenwert. Menschen wollen nicht die ganze Zeit mit Gepiepse fahren und irgendwelchen Assistenten, die Sachen von sich geben, die man nicht will. Dieses Bevormundende steckt da im Vordergrund.


Q5 (Antonia): Zum Abschluss: Hast du eine Anekdote aus deinem Schaffen zu analoger Technik/analoger Musik?
A5 (Uli): ‘99 war ich beim SWR und habe als Reporter gearbeitet. Da musste ich ein Interview mit einem Ehepaar machen, das 75 Jahre verheiratet war, Kronjuwelenhochzeit. Beide im Altersheim in Eningen unter Achalm. Ich bin da mit dem Sony Pro hin, mit dem Kassettenrekorder. Ich hab mir bei der Technik im SWR extra neue Akkus geholt, neu aufgeladen, eingebaut und bin rein.

Der Mann hieß Julius Benz, war 99, seine Frau war auch 99, aber bettlägerig, lag hinter mir. Ich hab mich mit Julius Benz unterhalten und hab irgendwann gesehen, dass mein Kassettenrecorder nicht mehr läuft oder nur noch ganz langsam. Ich hab gedacht: Jetzt haben sie mir wieder so ’n ****** Akku gegeben. Ich musste das Gespräch unterbrechen, bin raus. Ich hatte damals einen VW Käfer, bin runter nach Eningen rein, hab eine Drogerie gefunden, Batterien gekauft, reingemacht, wieder hoch. Hat nicht länger als eine Viertelstunde gedauert. Dann hab ich das Gespräch noch mal angefangen, weil ich gedacht hab, ich muss von vorne und er merkt’s nicht.

Und schon nach der zweiten Frage hat er gesagt: „Ja, das hätte ich mich doch vorher schon gefragt, wieso muss ich denn jetzt noch mal sagen?“ Das ist das, wo ich immer dran denk: Das ist analoge Technik. Aber das kann dir hier auch passieren.

Ihr seid gefragt, eigene Erfahrungen mit analoger Musik einzuordnen und euch zu fragen, inwiefern sie sich in den Beschreibungen von Nostalgie, Nische, Widerstand oder Entschleunigung etwas wiederfindet.