1949 öffneten die Türen von einem der ältesten privat geführten Tonstudios Deutschlands: Bauer Studios. Als Familienbetrieb gründete Rolf Bauer unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Ludwigsburg das Tonstudio. Er schaffte es, die technischen Entwicklungen stets als einer ersten zu übernehmen: Ende der 1950er die Stereofonie oder in den 1960er die Mehrspurtechnik. Mit dem Egerländer Sound prägten sie die Blasmusik in den 1970er Jahren neu und setzten mit Live-Mitschnitten, etwa mit Keith Jarretts Köln Concert, Maßstäbe. Die Erweiterung der Bereiche Mastering und Herstellung in den 1980er Jahren stärkte den internationalen Ruf des Studios. Bereits im Jahr 2000 boten die Bauer Studios Surround-Sound und 5.1-Mischungen an, lange bevor diese Technologien branchenweit etabliert waren. Bis heute, wo digitale Workflows längst Standard sind, pflegt das Team um die Geschäftsführer Michael Thumm und Bettina Bertók-Thumm den analogen Geist mit Leidenschaft.
Rund 60 Prozent des Umsatzes stammen heute aus der Musikproduktion, weitere 20 Prozent aus dem Wortbereich. Dabei arbeitet das Studio mit Profimusiker*innen ebenso mit Laien wie Chören und Blasorchestern. Inzwischen gehören auch Vertonungen aus dem Filmbereich dazu.
„Wir haben jede Generation der Aufnahmetechnik mitgemacht“
Von Tonbandmaschinen mit 24 Spuren über frühe digitale Magnetbänder bis hin zu Festplattenrecordern. Trotzdem hält das Studio bewusst analoge Geräte und Bandmaschinen am Leben. Wenn Musiker*innen das wünschen, wird nach wie vor analog produziert. Auch mit dem hauseigenen Format der Studiokonzerte hat das Studio eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschaffen. Das Studio bietet Live-Konzerte, die analog gemischt, auf Tonband aufgenommen und später auf Schallplatte veröffentlicht werden. „Das ist eine voll analoge Produktion, wie sie in den Siebzigern normal war“, erklärt der Geschäftsführer. Für viele Musiker*innen sei dieser Prozess ein Erlebnis, das sie aus der digitalen Routine heraushole. Der Klang sei anders, nicht unbedingt besser, aber charakteristisch. Der Reiz liegt darin, dass es keine nachträgliche Korrektur gibt: „Man kann nicht schneiden, nicht pitchen, das, was aufgenommen ist, gilt.“
Vor allem bei jungen Musiker*innen sind Schallplatten wieder gefragt, häufig aus einem romantischen Impuls heraus. „Viele lassen CDs komplett weg und machen nur Streaming und Vinyl“, sagt Thumm. Wirtschaftlich sei das nicht, meist ist es Liebhaberei, doch gerade das mache den Reiz aus. Die Schallplatte wird wieder zum Objekt, das man besitzen und auflegen möchte und steht dabei für die bewusste Auseinandersetzung mit der Musik.
Auch die Endkonsument*innen, die sich bei Veranstaltungen wie den Analogtagen trifft, stehen für diesen Trend. Dort begegnen die Bauer Studios Hifi-Enthusiasten und Menschen, die Musik zelebrieren, mit hochwertigen Anlagen und echtem Interesse am Klang. „Das ist ja das, was als erstes verloren gegangen ist, die Wertschätzung für die Kunst und die Musik“.
Trotz der Dominanz digitaler Medien und der wachsenden Bedeutung von Künstlicher Intelligenz im Musikbereich blickt er zuversichtlich in die Zukunft. Das Analoge werde bleiben. „Menschen mögen Menschen Gemachtes“, sagt er. „Es wird immer Menschen geben, die Spaß dran haben.“ Er sieht in Zukunft eine Koexistenz zwischen analogem und digitalem. Dennoch plädiert er für eine ehrlichere Auseinandersetzung mit der Musik. „Was wir meiner Meinung nach brauchen, sind kreative Menschen. Gebt den Kindern ein Instrument und Pinsel in die Hand und fördert die Kreativität.“

Frage: Was machen Bauer Studios vorwiegend? Und aus welchen Bereichen kommen so die Kunden und die Aufträge?
Antwort Michael Thumm:
Die Bauer Studios machen seit 1949 Musikproduktion. Das ist der Schwerpunkt, wobei Wortproduktionen auch von Anfang an dabei waren. Ganz am Anfang haben zum Beispiel nach dem Krieg amerikanische G.I.s kleine Schallplatten aufgenommen mit Sprachnachrichten für die Familie zu Hause oder Kinowerbung. Das waren Projekte aus der Anfangszeit. Relativ schnell hat man dann alles, was drumherum noch benötigt wird, mit angeboten. Tonträgerherstellung haben wir nie im Haus gemacht, aber wir haben das von vornherein mit abgewickelt: am Anfang Schallplattenherstellung, dann irgendwann CDs, jetzt auch Kassetten. Heute sind es wenig CDs und ein bisschen Schallplatten. Aktuell sind ungefähr 60 Prozent des Umsatzes Musikproduktion, Wortproduktion noch mal 20 Prozent.
Im Musikbereich sind die Kunden sowohl Profis als auch Laien. Bei Profis werden wir entweder von Musikern beauftragt oder von Labels. Diese Beauftragung durch Labels ist stark rückläufig. Labelvorschüsse gibt es nicht mehr so oft. Oft refinanzieren Musiker selbst und schauen dann, ob sie ein Label finden. Der Laienbereich war aber immer auch gut vertreten, Blasvereine, Chöre, Auswahlorchester, die ein Werk uraufführen oder ein Jahreskonzert spielen.
Im Wortbereich ist viel E Learning, ein großer Schulbuchverlag aus Stuttgart ist ein wichtiger Kunde. Da sind wir gespannt, wie lange wir das noch machen dürfen oder bis uns die AI den Job abnimmt. Sprechern geht es durch Sprachsynthese schon deutlich schlechter. Was meine Frau und ich als dritte Geschäftsführergeneration mitgebracht haben, ist Filmton, also Vertonungen von Spielfilm, Dokumentarfilm, Animationsfilm für Kino und Fernsehen. Das sind etwa 10 Prozent.
Im Musikbereich hat man Ende der 80er auch Labels gegründet, weil man dem Laienbereich eine Plattform bieten wollte, um Musik zu veröffentlichen. Das war damals wichtig, weil Labels Gatekeeper waren, um ein Produkt überhaupt in einen Laden zu bekommen. Heute spielt das so keine Relevanz mehr. Ob ein physischer Tonträger noch bei Media Markt steht, ist kaum noch relevant. Digitalvertrieb bieten die Labels nach wie vor an und das spielt für uns umsatzmäßig noch eine Rolle, aber nicht vergleichbar mit dem, was früher über physische Tonträger reinkam.
Frage:
Macht ihr dann in eurem Produktionsverfahren beides, also noch analoge Aufnahmen, aber auch digital?
Antwort Michael Thumm:
Man muss bei Veröffentlichung unterscheiden, nicht bei der Produktion. Am Ende geht es um Distribution: entweder digital über Streaming oder physisch über CD oder Schallplatte. CD ist ja auch ein digitales Medium.
Frage:
Gibt es noch Resonanz, möchten Leute trotzdem auf Schallplatte veröffentlichen?
Antwort Michael Thumm:
Ja, es gibt Produktionen, die machen nur Streaming und Vinyl. Es gibt auch welche, die machen CD, Vinyl und Streaming oder Download. Schallplatte ist wiedergekommen. In den 2000ern war das ziemlich weg. Wirtschaftlich ist es aber Liebhaberei. Physische Tonträger funktionieren, wenn man Masse macht. Ab 1000 Stück wird es wirtschaftlich sinnvoll. Bei 300 Stück, das ist so das Kleinste, was wir machen, kann ich mich als Zwischenhändler schon nicht mehr dazwischen schalten. Mit Marge wird es so teuer, dass es keinen Sinn mehr macht. Bei kleinen Stückzahlen ist der Einkaufspreis so hoch, dass man sich fragt, warum man das macht.
Eine Schallplatte kostet im Einkauf ungefähr 6 bis 7 Euro, je nach Gestaltung auch 8. Wenn man es im Laden verkauft und nicht direkt auf dem Konzert, kommt der Händler dazwischen, der will auch noch mal 30 Prozent. Der Gewinn wird im Einkauf gemacht, das ist bei physischen Produkten wichtig. Schallplatten machen wir nach wie vor und auch wieder mehr, aber das ist nicht zu vergleichen mit früher und fängt weder das auf, was über CD weggebrochen ist, noch das, was digital reinkommt.
Frage:
Das heißt, die CD ist trotzdem noch da?
Antwort Michael Thumm:
Man macht halt so mit, sehr generationsabhängig. Über unseren Vertrieb kann ich sagen: Als ich 2017 angefangen habe, hatten wir im Monat so 3 bis 4000 Euro Umsatz über physische Verkäufe. Jetzt sind wir bei 400 Euro im Monat. Die Abteilung, die früher die Herstellung abgewickelt hat, mit 2 bis 3 Menschen, gibt es nicht mehr, das macht keinen Sinn. Physischer Tonträgermarkt spielt wirtschaftlich keine Rolle mehr, das steht nicht mal mehr auf unserer Website, mit Absicht. Wir tragen das mit Würde zu Grabe. Wenn es jemand will, machen wir es natürlich, aber früher gab es andere Aufträge, etwa große Stückzahlen. Heute will Künstler A 100 CDs. Das ist dann eher etwas, das beim Konzert mitverkauft wird, wirtschaftlich nicht mehr spannend.
Frage:
Du meintest vorhin, dass ihr Kassette auch wieder macht oder noch macht.
Antwort Michael Thumm:
Kassette war ein großes Ding. In den 80ern hatten wir eine Kassettenkopierstation im Keller, wir konnten selbst MCs kopieren. Heute kann man es wieder herstellen, aber nicht mehr inhouse. Kassette ist Liebhaberei, man macht es mit. Zum Musik hören braucht man das Medium eigentlich nicht mehr. Ob ich ein T Shirt verkaufe oder eine Kassette, ist dem Endkunden fast egal. Dass ich es brauche, um überhaupt hören zu können, ist vorbei.
Frage:
Beobachtet ihr bei Anfragen Genre oder Altersgruppen? Ich habe das Gefühl, junge Künstler springen wieder auf Vinyl.
Antwort Michael Thumm:
Ja, absolut. Die machen dann oft keine CDs mehr, nur Schallplatten. Wenn oldschool, dann richtig. Künstler, die viel auftreten, für die macht es Sinn, auch CDs zu machen, die verkaufen das. Wenn man nicht viel live spielt, machen hohe Stückzahlen keinen Sinn, über Vertrieb wird man es selten los.
Je erfolgreicher man im Musikbusiness ist, gerade bei jungen Hip Hop Künstlern, gibt es Bundles: Box mit T Shirt und dann eine CD. Die könnte man auch weglassen, ist egal. Damit wird Geld verdient, die Bundles sind teuer. Das wird auch genutzt, um in den Charts nach oben zu kommen, weil Vorbestellungen in der ersten Woche stark gewichtet werden.
Frage:
Wie sieht es bei euch im Studio bei der Aufnahmetechnik aus?
Antwort Michael Thumm:
Die große Wandlung ist durch. Digitalisierung in der Audiobranche war 80er, 90er. Bis in die 70er und 80er war Analogband das Ding. Erst 2 Spuren oder eine Spur, dann mehr, irgendwann 24 Spuren. Man hat Geräte synchronisiert, um auf 48 Spuren zu kommen. Dann kam der Schritt, digitale Daten auf Magnetband zu schreiben. Höhepunkt war Mitte, Ende 80er: 48 digitale Spuren auf einem Band. Als Computer und Festplatten besser wurden, spielte das keine Rolle mehr. Seit Mitte der 90er nimmt man auf Festplatte auf.
Wir haben noch analoge Maschinen und wenn das gewünscht wird, arbeiten wir damit. Wir haben 2013 ein Format etabliert, unsere Studiokonzerte. Das ist ein voll analoger Gegentrend zum Musikstreaming. Wir machen Live Konzerte, mischen live auf einem großen analogen Mischpult, mischen 30 bis 40 Spuren auf Stereo runter, zeichnen auf Tonband auf und machen am Ende Schallplatten daraus. Das ist eine voll analoge Produktion wie in den 70ern. Das findet Liebhaber, die das toll finden. Klingt das anders? Ja. Ist es besser? Anders. Für Musikerinnen und Musiker fühlt es sich auch anders an, weil man weiß, man kann nicht mehr korrigieren. Normalerweise macht man noch mal und schneidet und pitcht, das geht da nicht. Manchmal wollen Leute, dass der Stereomix auf Tonband geprintet wird und danach wird sowieso wieder digitalisiert, weil man für Streaming digitale Files braucht.
Vintage Geräte, Vintage Mikrofone und analoge Bearbeitungsgeräte sind hoch angesehen und werden noch benutzt. Wir haben ein großes analoges Mischpult, das wir am Leben halten können. Braucht man das? Nein. Aber es klingt gut und macht in gewissen Workflows Sinn. Bei uns verändert sich das aber auch: Je jünger die Tonmeister, desto mehr wird das analoge Pult als Werkzeug in der Session genutzt und die Postproduktion verlagert sich mehr ins Digitale. In der Filmproduktion spielt analog seit 20 Jahren keine Rolle mehr.
Frage:
Gibt es mehr Nachfragen nach analoger Aufnahmetechnik oder ist es konstant?
Antwort Michael Thumm:
Von jungen Menschen wird mehr danach gefragt. Wenn ich dann sage, das Tonband kostet 350 Euro, wir brauchen 3 davon, sind wir schnell wieder bei Festplatte. Oft ist das eine romantische Vorstellung davon, was es bedeutet, damit zu arbeiten. Wir bekommen Anfragen für Direct to Track Produktionen: Livemix auf Stereo Band. Natürlich zeichnen wir parallel auch Einzelspuren. Am Ende wird meistens Stereo veröffentlicht. Dazwischen ist Mischen, Verhältnis, Position im Stereopanorama. Viele wollen das live auf Tonband. Wir erklären dann, dass es einen exzessiven Soundcheck braucht, weil der Klang, den wir einstellen, der ist es. Und dann kommt trotzdem: Der Saxofonist will mehr Hall. Dann merkt man, welches Commitment es braucht, wenn man das wirklich durchziehen will. Es ist aber auch okay: Wenn die Band sich anders gefühlt hat, ist das Ziel erreicht. Das Spannende passiert vor dem Mikrofon, das ist entscheidender als die Technologie dahinter.
Mindset könnte ich digital genauso umsetzen. Ich kann auch live auf Stereo runter mischen und ob Bandmaschine oder Workstation ist erst mal ähnlich. Beim Band nehme ich klangliche Effekte mit, die mir nur das Tonband liefert. Plugins emulieren das, es verändert den Klang, aber ob es wirklich wie eine Bandmaschine ist, na ja. Wenn man es durchzieht, geht es um Entscheidungen treffen und Commitment. Irgendwann sagt man: Jetzt ist gut. Man kann nicht in vier Wochen anrufen und sagen, Stimme ein halbes dB lauter oder leiser. Das sind Erwartungshaltungen aus der digitalen Produktion und die sind nicht einfach weg. Das ist manchmal lustig. Genauso bei Schallplatten: Dann kommt Rückmeldung, es knackst oder rauscht. Dann denke ich: Hör Download oder Stream. Das sind digitale Erwartungen an ein analoges Medium. Das liegt daran, dass viele nicht damit aufgewachsen sind.
Frage:
Beobachtet ihr KI in der Musikproduktion?
Antwort Michael Thumm:
In den Tools spielt es eine Rolle. Der Begriff KI ist hoch gestochen, es ist Machine Learning. Wir benutzen Tools mit Spracherkennung, Dialogtranskription, sowas. Im Musikproduktionsbereich merken wir nicht, dass uns dadurch etwas flöten geht. Unser Schwerpunkt liegt auf handgemachter Musik. Hip Hop Künstler, die alleine am Rechner Beats bauen, sind nicht unsere Kunden. Ein Jazz Trio oder Quartett oder eine Bigband brauchen einen Raum. Die profitieren von dem, was wir anbieten.
Wir spielen aber auch damit. Es gibt Anfragen: Ich habe einen Text und brauche Musik dazu. Da prompte ich mich durch Suno und schaue, wann ich das mal verkauft bekomme. Bei generischen Dingen kommt man damit weit. Ob ich ein interessantes Jazzalbum gepromptet kriege, bezweifle ich. Zeitgenössische Musik, vergiss es, da fehlen Trainingsdaten. Im Wortbereich gibt es Kunden, die sagen, sie wollen nicht 44 Native Speaker buchen, sondern einen Sprecher aufnehmen und den Rest macht KI. Die ersten, die es trifft, sind Schauspieler und Sprecher, deren Jobs sind schon weg.
Es gibt auch KI gesteuerte Synthesizer in zeitgenössischem Jazz. Ich bin gespannt, wann wir den ersten komplett KI synchronisierten Film in Deutschland hören. Im Musikstudio ist Demokratisierung seit 20 Jahren durch: Jeder kann zu Hause aufnehmen, cool, aber es gibt mehr Mist. Viele Tracks auf Spotify werden nie gehört. Das Internet ist voll mit Zeug, das keinen interessiert, und man muss um Aufmerksamkeit kämpfen.
Frage:
Ihr beteiligt euch bei den Analogtagen. Wie wichtig sind solche Formate und wie ist die Resonanz?
Antwort Michael Thumm:
Da reden wir eher über HiFi. Menschen, die Musik zelebrieren und das mit Equipment ausdrücken. Das ist für uns schön, weil unsere Arbeit dort stärker wertgeschätzt wird und Menschen bereit sind, Geld auszugeben. Da wird eine Schallplatte für 40 Euro gekauft, und die Erwartung ist nicht, dass alles umsonst ist. Dieser HiFi Bereich ist dankbar.
Wertschätzung ist das, was als erstes verloren gegangen ist. Die breite Masse wählt den bequemsten Weg. Was flöten gegangen ist, ist die Wertschätzung für die Menschen, die das kreieren. Das ist in der Musik seit 20 Jahren durch. Früher haben Künstler ein Album aufgenommen, 1000 CDs gemacht, auf Konzerten verkauft, Produktion refinanziert und ein Plus gehabt. Heute ist es ohne Förderung schwer, Produktionen zu refinanzieren, wenn man nicht Mainstream ist. Der Musiker Mittelstand bricht weg. Wir sind als Studio die Schnittstelle. Wir begleiten fast jede Produktion mit Video: Performance Videos, Behind the Scenes, Social Media Content. Es gibt kaum mehr Live Mitschnitte ohne Video. Wir werden auch nur für Videos gebucht. Wir haben jetzt einen Mitarbeiter nur für Video. So verändert sich die Branche und das ist unser Versuch, damit umzugehen.
Frage:
Wie schätzt du den Trend der analogen Musik in Zukunft ein?
Antwort Michael Thumm:
Trend und Gegentrend sind gesetzt. Ich hoffe, dass die Menschheit sich nicht mit AI generierter Musik zufrieden gibt, weil das langweilig ist. Menschen mögen Menschengemachtes. Alles konzentriert sich auf Konzerte. Wir merken, bei jüngeren Musikern gibt es wieder mehr Bands. Das, was früher Standard war, Band spielen, ist wieder mehr da. Heute ist das Tool oft der Laptop. Dann gibt es wieder Retromusik: Gitarren, Verstärker, Röhrenamps. Dazwischen gab es eine Phase, wo Sounds digital emuliert wurden.
Ich glaube, es wird immer Menschen geben, die Spaß daran haben. Es wird nicht verschwinden, aber es dampft sich zusammen. Ablösen wird es das nicht, es wird Koexistenz. Im besten Fall nimmt es wieder zu, weil das andere langweilig ist. Vielleicht wird AI so gut, dass es gleichwertig ist. Noch ist es oft generisch. Ich würde mir kein Album anhören. Musik dudelt oft nur im Hintergrund, kostenlos reingespült. Bewusstes Hören, Schallplatte nehmen, Artwork anschauen, Texte lesen, ist eine bewusste Auseinandersetzung.
Wenn Leuten egal ist, was läuft, und sie nicht wissen, wer der nächste Künstler ist, dann haben sie es nicht besser verdient, als mit AI Müll vollgemüllt zu werden. Wir haben Schulklassen hier, zeigen denen, wie es klingt, wenn man alle Frequenzen hört. Das hat viel mit Bildung zu tun. Musikunterricht wegtun tut weh. Als Gesellschaft muss man überlegen, wie wichtig das ist. Ressourcen haben wir keine, wir brauchen kreative Menschen. Gebt Kindern Instrumente und einen Pinsel in die Hand. Das fördert Kreativität. Das ist unser Beitrag. Wir haben auch Praktikanten, damit sie sehen, es gibt noch was anderes als den aktuellen Umgang und Mainstream.
Aus Geschäftsführersicht sind das herausfordernde Zeiten. Nicht mehr ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht. Wir kämpfen um unsere Daseinsberechtigung. Es gibt genug Tonstudios nicht mehr. Es war immer Wandel. Es gibt auch wenige Kutschenhersteller. Ein Kollege Anfang 70 hat die Veränderungen mitgemacht, kann Tonband schneiden, sitzt aber lieber vor der Workstation. Er sagt, der nervige Kram von damals ist los, es rauscht nicht mehr, man kann tiefer eingreifen. Er findet das Digitale gut, weil man früher mit den Widrigkeiten des Mediums umgehen musste.
