DJs, Userinnen und das Schlachthaus Tübingen

In diesem Kapitel widmen wir uns vor allem den kleinen, wiederkehrenden Handlungen im Alltag analoger Musik. Platten sortieren, Kassetten aufnehmen, im Club eine Platte aus der Hülle ziehen, zu Hause bewusst eine CD einlegen statt auf „Next“ zu tippen, all diese Gesten prägen den analogen Alltag. Anhand der Gespräche mit Jürgen Eberhardt (Clubbesitzer und DJ), Julian (Hip-Hop-DJ und Produzent) und Celli (Nutzerin, Sammlerin, Clubbesucherin) fragen wir, wie sich analoge Praktiken heute im Schatten von Streaming und KI behaupten und verändern. In den präsentierten Ausschnitten zeigt sich die analoge Praktik nicht als Rückzug in eine „nostalgische Nische“, sondern als gelebte Praxis zwischen Club, Wohnzimmer, Flohmarkt und Streaming-App. Anhand der drei Perspektiven, wird deutlich, wie analoges Hören und Auflegen heute in hybride, digitale Lebenswelten eingebettet ist.

Jürgen Eberhardt, Betreiber des Schlachthaus und seit den 1980ern als DJ aktiv, verortet sich klar in einer Vinyl-Tradition, ohne Digitales zu verteufeln. Aufgelegt wird „immer noch am liebsten mit Vinyl“, gleichzeitig nutzt er längst USB-Sticks, wenn es um aktuelle House-Produktionen geht, die nie auf Platte erscheinen. Entscheidend ist für ihn weniger ein puristischer Medienfetisch als eine bestimmte Form der leiblich sichtbaren Arbeit an der Musik: 

„Mit Schallplatten, du siehst halt, wie jemand eine drauf und eine raussucht, dazwischen bisschen überlegt, und du siehst jemanden arbeiten einfach.“ 

Im Kontrast dazu beschreibt er Laptop-DJs, bei denen das Publikum „jemand[en] [sieht], der macht irgendwas […] der drückt halt auf seinem Rechner rum, das mach ich auch den ganzen Tag.“ Analoges Auflegen erscheint hier als performative Tätigkeit, die im Clubraum sichtbar wird und damit sozialen Wert hat. Auch Fragen der Materialität und Dauerhaftigkeit spielen eine Rolle. Schallplatten aus dem Familienbestand lassen sich nach „60, 70 Jahren“ noch problemlos abspielen, während die Haltbarkeit digitaler Formate und Datenträger für ihn ungewiss bleibt. Gleichzeitig betont Jürgen, dass Klangqualität im Club eher von Anlage und Raum abhängt als vom Medium allein und dass Vinyl längst Teil eines ökonomisierten Hypes geworden ist, in dem Nachpressungen, Jubiläumsboxen und Sammlerlogiken dominieren. 

Julian steht exemplarisch für eine jüngere Hip-Hop-Generation, die analoge Techniken produktiv weiterführt. Für ihn ist der Plattenspieler nicht nur Abspielgerät, sondern Instrument: 

„Und ich würde sogar sagen, der Plattenspieler ist für mich auch ein Instrument. Für mich ist ein Instrument ein Werkzeug, um etwas aus dem Kopf nach außen zu bringen und ein Gefühl zu transportieren. Das kann ich mit dem Plattenspieler.“ 

Das Packen der Plattenkiste vor einem Abend beschreibt er als bewusste, kreative Auswahlpraxis, eine Form der Selbstbeschränkung, die Entscheidungen erzwingt und Sets strukturiert. Analoges Auflegen wird damit zur kuratorischen Alltagshandlung: Musik wird nicht bloß „abgespielt“, sondern in eine Reihenfolge gebracht, die zum Raum, zum Anlass und zum eigenen Ausdruck passt. Ergänzend dazu spielt die Kassette im Hip-Hop-Kontext weiterhin eine Rolle: als Mixtape, als selbst produzierte Compilation, als günstiges Medium, um lokale Szenen abzubilden und eine limitierte Auflage („100 Stück“) mit eigener Musik zu veröffentlichen. 

Celli bringt schließlich die Perspektive der Nutzerin ein, die zwischen Spotify, Flohmarkt und „Soundturm“ pendelt. Sie beschreibt sich selbst explizit als Sammlerin. Das heißt Analoge Medien sind für sie nicht nur Klangträger, sondern Objekte, die man besitzt, ins Regal stellt und immer wieder in die Hand nimmt. Während Spotify im Alltag eher funktional eingesetzt wird: „Spotify hören mach ich, wenn ich putze […] oder mit Freunden chill[e]“ – markiert die Schallplatte ein anderes Setting: 

„Wenn ich ne Platte rein mach zu Hause, dann mach ich das […] als Ritual. […] Ich geh zu meinem Regal, ich guck sie durch, ich nehm es raus […] und das ist irgendwie so ’n entspannender Prozess für mich.“  

Analoges Hören wird hier zu einem bewussten Entschleunigungsmodus, der Distanz zum Smartphone und zur Logik digitaler Plattformen schafft. Celli betont, dass sie beim Handy immer zugleich mit Benachrichtigungen, Werbung und „34 ungelesene[n] Nachrichten“ konfrontiert ist. Das analoge Medium hingegen lässt sich nutzen, ohne dass diese Aufmerksamkeitsökonomie in den Hörprozess hineinfunkt, für sie also auch eine Form von „Digital Detox“. 

Es entsteht ein Bild analoger Alltagspraktiken, das weit über technische Fragen hinausgeht. Vinyl, Kassette und Plattenspieler stehen im Schlachthaus-Kontext für materialisierte Musikkultur: für sichtbare Arbeit, für kuratorische Entscheidungen, für Sammler*innen-Identität, für die Erfahrung, Musik mit anderen im Raum zu teilen. Analog und digital erscheinen dabei nicht als Gegensätze, sondern als verschränkte Modi, zwischen USB-Stick im Club, Bandcamp auf dem Handy und Kassette im Wohnzimmer. 

Frage: Wie bist du zur Musik und zum Auflegen gekommen?
Antwort (Jürgen):
Ich lege seit meiner Schulzeit mit Platten auf, einfach weil es damals nichts anderes gab. Bei uns im Dorf gab es alle paar Monate Partys im evangelischen Gemeindehaus und weil ich viele Platten hatte, habe ich dort aufgelegt. Ich habe mich nie als DJ verstanden, eher als jemand, der Musik aussucht.

Richtig angefangen hat es 1985 im Zentrum Zoo. 1995 habe ich dann eher zufällig mit einem Freund einen Club in Tübingen eröffnet, ursprünglich für sechs Monate geplant. Am Ende lief das Depot über zehn Jahre. Damals gab es House, Hip-Hop und Drum’n’Bass fast ausschließlich auf Vinyl. CDs waren zwar schon da, aber diese Musikrichtungen sind lange beim Vinyl geblieben.


Frage: Sammelst du Vinyl bewusst als Sammlungsobjekt?
Antwort (Jürgen):
Ich habe ungefähr 16.000 Platten, aber ich habe nie gesammelt im Sinne von Wert oder Erstpressungen. Wenn ich eine Platte als Nachpressung für sechs Euro bekomme statt als Original für hundert, dann nehme ich die Nachpressung. Für mich geht es um Musik, nicht um Besitz als Status.

Ich lege mittlerweile auch digital vom Stick auf. Alles dazwischen, also vinylähnliche Systeme wie Serato, fand ich immer langweilig. Mit Jan lege ich aber ausschließlich Vinyl auf.


Frage: Welche Rolle spielt Haptik beim Auflegen?
Antwort (Jürgen):
Ich lege immer noch am liebsten mit Vinyl auf. Ich mag die Größe, das Handling. Für das Publikum ist es auch ein Unterschied. Bei Laptop-DJs sieht man jemanden, der auf einen Bildschirm schaut. Bei Platten sieht man jemanden arbeiten: Platten rausziehen, auswählen, überlegen.

Diese Sichtbarkeit ist wichtig. Ich drücke nicht einfach Knöpfe, sondern bin körperlich mit dem Material beschäftigt.


Frage: Wie siehst du das Thema Klangqualität bei Vinyl?
Antwort (Jürgen):
Was man Vinyl zugutehalten muss, ist die Haltbarkeit. Meine ältesten Platten sind 60 oder 70 Jahre alt und lassen sich problemlos abspielen. Bei CDs oder digitalen Formaten weiß man das schlicht noch nicht.

Klanglich hängt extrem viel vom gesamten Setup ab: Mischpult, Boxen, Raum, Mastering. Es gibt Musikrichtungen wie Reggae oder Dub, bei denen Vinyl auf einem dafür gebauten Soundsystem besser wirken kann. Ich persönlich höre den Unterschied oft nicht, kenne aber Leute, die das können.

90 Prozent der heutigen Vinylproduktionen sind digital produziert. Wenn der gesamte Produktionsprozess digital ist, fällt mir ehrlich gesagt die physikalische Erklärung schwer, warum das auf Vinyl grundsätzlich besser klingen soll.


Frage: Gibt es Situationen, in denen man den Unterschied trotzdem deutlich hört?
Antwort (Jürgen):
Ja, das habe ich erlebt. In einem Club mit einem Reggae-Soundsystem kam ein Gast-DJ mit Laptop, das klang blechern. Als die erste Platte lief, war plötzlich der Bass da, selbst hinten an der Tür. Da merkt man, dass bestimmte Systeme für Vinyl gebaut sind.

Aber auch da gilt: Je weniger Technik zwischen Plattenspieler und Verstärker liegt, desto besser. Mein großes Vorbild David Mancuso hat irgendwann alles ausgeschaltet, was dazwischen war. Plattenspieler, Verstärker, Lautsprecher. Jedes zusätzliche Gerät kann den Klang verschlechtern.


Frage: Wie siehst du Vinyl in der elektronischen Musik heute?
Antwort (Jürgen):
Viele nutzen Vinyl heute eher als Marketinginstrument. Eine Pressung lohnt sich wirtschaftlich erst ab einer bestimmten Stückzahl. Vinyl hat immer noch etwas Besonderes, gerade als Objekt.

Die wirklichen Klangunterschiede entstehen heute eher durch gutes Mastering. Auf Plattformen wie Bandcamp findet man Produktionen, bei denen hörbar viel Arbeit in den Sound gesteckt wurde, unabhängig vom Format.


Frage: Welche Rolle spielt das Soziale beim Musikhören und Ausgehen?
Antwort (Jürgen):
Früher musste man in Clubs gehen, um bestimmte Musik überhaupt hören zu können. Heute ist alles jederzeit verfügbar. Der einzige Grund, noch aus dem Haus zu gehen, ist das Soziale: mit Fremden etwas zu teilen, eine gute Anlage, ein gemeinsames Erlebnis.

Dieses Bedürfnis ist schwächer geworden. Viele fühlen sich sicherer in bekannten Gruppen. Das betrifft nicht nur Musik, sondern auch Kino oder andere kulturelle Orte.


Frage: Gibt es trotzdem Gegenbewegungen?
Antwort (Jürgen):
Ja, aber oft in sehr geschlossenen Räumen. Kleine Kollektive, die unter sich bleiben. Früher habe ich oft sechs, acht oder zwölf Stunden allein aufgelegt und versucht, über den Abend einen großen musikalischen Bogen zu spannen.

Heute sind viele Abende stärker fragmentiert. Es geht mehr um Selbstdarstellung als um eine gemeinsame Dramaturgie.


Frage: Gibt es ein Musikstück, das dich dein Leben lang begleitet hat?
Antwort (Jürgen):
Ja, ganz klar Orchestra Baobab – Pirate’s Choice. Das ist die Platte, die ich in den meisten Versionen habe: Kassette, Vinyl, CD, Doppel-LP. Die Geschichte dahinter, die Aufnahme, die spätere Wiederentdeckung – das ist für mich ein perfektes Beispiel dafür, wie Musik Zeit, Atmosphäre und Geschichte transportieren kann.

Das ist eine Platte, die ich bis heute regelmäßig höre.

Frage: Wie bist du zum Auflegen mit Platten gekommen?
Antwort (Julian):
Zum Auflegen mit Platten bin ich dadurch gekommen, dass ich im Jugendhaus ältere Leute gesehen habe, die das gemacht haben. Das hat mich total fasziniert. Das war der erste Moment, wo ich gedacht habe: Okay, ich hab Bock aufzulegen.


Frage: Was verbindest du persönlich mit analoger Musik?
Antwort (Julian):
Analoge Musik ist für mich direkte Musik. Live-Musik ist für mich auch analog. Beim Auflegen mit Platten verschwimmt diese Grenze, weil es in dem Moment ebenfalls eine Live-Performance ist.

Ich habe auch eine gewisse Abneigung gegen Computer, die plötzlich nicht mehr funktionieren. Ich mag es, Dinge anfassen zu können. Wenn ich auflege, packe ich meine Plattenkiste und nicht einfach nur einen Laptop oder einen USB-Stick, auf dem eh alles drauf ist.


Frage: Spielt Haptik für dich eine Rolle?
Antwort (Julian):
Auf jeden Fall. Allein das Handling der Platte beim Auflegen ist für mich ein großer Unterschied. Ich drücke keinen Startknopf, sondern nehme die Platte in die Hand. Das fühlt sich einfach richtig an.

Ich höre auch einen Unterschied. Man hört, dass es von der Platte kommt, und ich mag das Gefühl, dass mir der Song von der Platte gegeben wird.


Frage: Wie bereitest du dich auf einen Abend vor?
Antwort (Julian):
Ich kuratiere meine Plattenkiste schon bewusst. Manchmal packe ich Sachen ein, weil ich denke: Die hab ich noch nie gespielt, da hab ich heute Lust drauf. Ob ich sie dann wirklich spiele, weiß man erst im Moment.

Der Auswahlprozess ist für mich auch kreativ. Weniger ist manchmal mehr. Diese Selbstbeschränkung gehört zur Experience dazu.


Frage: Ist Auflegen für dich kreativ?
Antwort (Julian):
Ja, auf jeden Fall. Ich habe keinen festen Plan oder Ablauf. Manchmal spiele ich back to back mit anderen, das finde ich spannend. Mit manchen klappt es besser, mit anderen weniger, aber es entsteht immer eine Interaktion.


Frage: Spielst du auch Instrumente?
Antwort (Julian):
Ich spiele Bass. Und ich würde sogar sagen, der Plattenspieler ist für mich auch ein Instrument. Für mich ist ein Instrument ein Werkzeug, um etwas aus dem Kopf nach außen zu bringen und ein Gefühl zu transportieren. Das kann ich mit dem Plattenspieler.


Frage: Wie nimmst du die Entwicklung wahr – legen wieder mehr Leute mit Platten auf?
Antwort (Julian):
In meinem Umfeld auf jeden Fall. Gerade hier in Tübingen gibt es viele Leute, die mit Platten auflegen und auch sehr gute Musik spielen.


Frage: Wie hörst du selbst Musik im Alltag?
Antwort (Julian):
Ich höre wenig klassisch über Spotify. Früher hatte ich einen iPod mit eigener Musik, heute höre ich viel über Bandcamp. Das ist für mich etwas anderes als zu Hause eine Platte zu hören, aber gut, um neue Musik zu entdecken.

Frage: Spielt es für dich eine Rolle, ob jemand live spielt oder nur Tracks abspielt?
Antwort (Céline):
Ja, auf jeden Fall. Ich gehe nicht oft auf Festivals wegen bestimmter DJs. Ich mag kleinere Veranstaltungen lieber und Livebands, weil ich diesen Live-Faktor möchte, dass es anders ist als zu Hause.

Ich war mal auf der Nature One. Der Sound war gut, die Visuals spannend, aber ich hab mich gefragt, warum ich dafür da sein muss. Für mich fühlt sich das fast wie Playback an. Wenn ich auf ein Konzert gehe und jemand Playback macht, fände ich das richtig schlimm.


Frage: Was macht für dich den Unterschied zwischen großen Festivals und kleinen Events?
Antwort (Céline):
Bei großen Festivals geht es oft um das Festival an sich, weniger um die Musik. Bei kleinen Events ist die Verbindung eine andere. Ich war auf einem kleinen Festival mit Liveacts, eine Künstlerin hat mit Loopstation und Instrumenten gearbeitet. Danach konnte man mit ihr sprechen, ihre Platten kaufen, sich austauschen. Diese Nähe macht es für mich viel intensiver.


Frage: Wie hörst du Musik zu Hause?
Antwort (Céline):
Spotify und Platte sind für mich zwei komplett unterschiedliche Dinge. Spotify höre ich beim Putzen oder unterwegs. Platte hören ist ein Ritual: Platte rausholen, abstauben, auflegen, umdrehen. Ich muss mir keine Gedanken machen, welcher Song als Nächstes kommt.

Analoge Medien sind für mich alles, wofür ich einen Gegenstand in die Hand nehmen muss, der nicht mein Handy ist. Das ist für mich entspannend und auch eine Form von Digital Detox.


Frage: Spielt Besitz eine Rolle?
Antwort (Céline):
Ja, total. Ich bin Sammlerin. Wenn ich ein Album auf Spotify speichere, gehört es mir nicht. Analoge Medien kann ich besitzen, ins Regal stellen, immer wieder neu entdecken.

Ich bin mit Kassetten aufgewachsen, später CDs, das war auch Identität. Analoge Medien sind für mich Dinge, die ich sammeln, anfassen und bewusst nutzen kann.


Frage: Wie kaufst du Platten?
Antwort (Céline):
Ich kaufe gerne Secondhand oder auf Flohmärkten. Neue Platten für 40 Euro kaufe ich nur, wenn ich das Album wirklich kenne und liebe. Ich mag das Stöbern, dieses Überraschungsei-Gefühl.

Wenn ich weiß, dass mir ein neues Album gefallen wird, bestelle ich es vor und suche mir bewusst eine schöne Pressung aus.


Frage: Gibt es eine Lieblingsplatte?
Antwort (Céline):
Meine seltenste Platte ist lustigerweise der Animal-Crossing-Soundtrack. Aber meine Lieblingsplatte ist eine koreanische Hardrock-Platte, die ich auf einem Flohmarkt gefunden habe. Metal ist dort kein großes Genre, und genau deshalb ist sie für mich ein Schatz.