Warum analoge Musikkultur relevant bleibt
Digitale Technologien sind allgegenwärtig. Mit den rasant fortschreitenden Entwicklungen rund um KI steht auch die Musikindustrie vor neuen Herausforderungen.
In Großbritannien gab es Anfang 2025 bereits einen stillen Protest bekannter Musiker:innen wie Paul McCartney, Elton John und Dua Lipa. Hintergrund: Die britische Regierung plante ein neues KI-Gesetz zur Nutzung von Musik, das einen großen Schnitt in das Urheberrecht vorsieht. Unternehmen sollen künftig Werke von Künstler:innen ohne ausdrückliches Einverständnis für das Training ihrer KI nutzen dürfen. Musiker:innen sehen es besonders deshalb problematisch, da sie nicht überprüfen können, wer wie ihre Musik nutzt.
Die Veränderung musikalischer Karrieren und künstlerischer Arbeit beginnt jedoch nicht erst mit KI. Bereits algorithmische Systeme prägen seit Jahren, welche Musik sichtbar wird, empfohlen wird und Aufmerksamkeit erhält. Anja Nylund Hagen beschreibt mit dem Begriff der „Playlist Experience“, wie Hören in Playlists organisiert wird, in denen persönliche Wahl, soziale Empfehlungen und algorithmische Vorschläge ineinandergreifen (Hagen 2015). Wer sichtbar bleibt, wird so zunehmend von Empfehlungsalgorithmen entschieden, die nach Plattformlogiken optimieren und nicht nach künstlerischen Kriterien. Plattformen werden damit zu zentralen Instanzen, die nicht nur Sichtbarkeit organisieren, sondern auch mitbestimmen, welche Formen von Musik als legitim erscheinen. Besonders deutlich wird dies dort, wo massenhaft KI-generierte Tracks hochgeladen werden, um Empfehlungsalgorithmen und Vergütungssysteme zu beeinflussen.
KI als Werkzeug
KI kann kreative Prozesse erleichtern, verschiebt aber zugleich Fragen nach Autorschaft, Kontrolle und Sichtbarkeit (vgl. Klawonn 2021). Sie kann beim Arrangement helfen, Klangdesign vorschlagen oder Masteringprozesse automatisieren. Gleichzeitig wird dadurch neu verhandelt, wann musikalische Arbeit als eigenständige schöpferische Leistung verstanden wird.
Zwischen digitalem Alltag und analoger Erfahrung
Trotz dieser Entwicklungen befinden wir uns in einer Ära der Hybridkultur. Analoge und digitale Formate koexistieren nebeneinander und beeinflussen sich gegenseitig. Praktizierende bewegen sich zwischen einem digitalen Alltag und einer analogen Freizeitsphäre, die im Vergleich zu digitalen Nutzungsformen oft als „realer“ erlebt wird. Während KI-basierte Musikproduktion neue kreative Möglichkeiten eröffnet und Zugangshürden senkt, bleiben Vinyl, Kassette und Co. Symbole für Authentizität und „langsames Hören“.
Analoge Ästhetik schafft Distanz zur Beschleunigung digitaler Plattformkultur, weil sie Aufmerksamkeit und Zeit einfordert. Von personalisierten Playlists bis hin zu automatisch generierten Klangwelten werden KI und digitale Tools die Musikproduktion weiter transformieren. Algorithmen wählen aus, ordnen zu und machen Vorschläge, welche Tracks „passen“. Gleichzeitig konnten wir in den Gesprächen erfahren, dass analoge Formate ihre kulturelle Relevanz gerade in dieser Situation behalten. Sie bieten nicht nur eine ästhetische Alternative, sondern auch ein kritisches Gegengewicht. Analoge Praktiken, vom eigenhändigen Aufnehmen eines Mixtapes bis zum Sammeln bestimmter Pressungen, markieren Formen der Aneignung, die sich der reibungslosen Logik der Plattformen entziehen.
Analog Tendencies: Analoge Musikpraktiken als bewusste Entscheidung
In der Konstellation von KI, Streaming und analoger Musikkultur lassen sich daher weniger einfache Gegensätze zwischen „digital“ und „analog“ beobachten als vielmehr Aushandlungsprozesse. Die Website „Analog Tendencies“ macht diese Aushandlungen sichtbar, indem sie analoge Musikpraktiken nicht als nostalgische Flucht vor der Gegenwart zeigt, sondern als bewusste Entscheidungen in einem von Plattformlogiken geprägten Umfeld. Analoge Medien werden damit zu Orten, an denen sich Fragen nach künstlerischer Urheberschaft und Aufmerksamkeit bündeln. Sie fungieren als symbolische und materielle Gegenpole zu einer Musikkultur, in der Datenströme und KI-Modelle zunehmend bestimmen, was hörbar wird.
Im Gespräch mit unserer Expertin Pia Fruth hat sie einen wiederkehrenden Kreislauf beschrieben, in dem neue Medien zunächst Euphorie und Kulturkritik zugleich auslösen, bevor sich allmählich ein alltäglicher Umgang etabliert. „Wir stehen jetzt in diesem Kreislauf ganz am Anfang“, sagt sie, und betont, dass Prognosen zwangsläufig unsicher bleiben. Historische Beispiele vom Grammophon bis zum Walkman zeigen jedoch, dass sich anfängliche Ängste und Übertreibungen meist relativieren. Was bleibt, ist die Notwendigkeit gesellschaftlicher Aushandlung über Regeln, Nutzung und Grenzen. Welche Rolle analoge Medien dabei künftig spielen werden, lässt Fruth bewusst offen. Entscheidend scheint für sie weniger die Technik selbst als die Frage, wie Menschen mit ihr leben und Bedeutung herstellen. Genau darin liegt die bleibende Relevanz analoger Musikkultur: Sie zeigt, dass Musik nicht nur abgespielt, sondern angeeignet, gestaltet und bewusst erlebt wird.
Analog Tendencies zeigt keine einfache Rückkehr zum Analogen. Die auf dieser Seite analysierten analogen Geräte und Praktiken erscheinen vielmehr als Medien, an denen sich gegenwärtige Fragen nach Aufmerksamkeit, Besitz, Materialität und Selbstbestimmung neu verhandeln lassen. Der Kern der analogen Praktiken heute liegt nicht darin, digitale Musikpraktiken zu ersetzen, sondern darin, alternative Formen des Hörens, Sammelns und Gestaltens sichtbar zu machen. Gerade im digitalen Raum wird dadurch deutlich, dass analoge Musikpraktiken weiterhin kulturelle Relevanz besitzen: als analoge Tendenzen innerhalb einer zunehmend digitalen Musikkultur.
